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Feministische Theologie

© Karin Nitz

Perspektiven

Was ist feministische Theologie?

Der Titel die­ses Vor­trags kommt in Form einer ein­fa­chen Frage daher. Eine Ant­wort scheint nahe zu lie­gen: Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie ist eine Theo­lo­gie, also ein Reden von Gott, dem eine fe­mi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ve zu­grun­de liegt. Ziel fe­mi­nis­ti­scher Theo­lo­gin­nen ist die Be­frei­ung von Frau­en in Kir­che und Ge­sell­schaft. Damit könn­ten wir es be­wen­den las­sen.

Doch er­klärt sich Ihnen damit nicht, warum fe­mi­nis­tisch theo­lo­gi­sche For­schung häu­fig so viel Wi­der­spruch von Sei­ten der tra­di­tio­nel­len Hoch­schul­theo­lo­gie her­vor­ruft. Es wird nicht deut­lich, warum uns etwas feh­len würde, wenn wir die fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie nicht hät­ten. Es lohnt daher ge­nau­er hin­zu­schau­en, um zu ver­ste­hen, warum Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten eine Er­folgs­ge­schich­te hat.

Was er­mög­licht die be­son­de­re Ver­bin­dung von Fe­mi­nis­mus und Theo­lo­gie? Ich werde mit Ihnen auf Spu­ren­su­che durch un­ter­schied­li­che Zei­ten gehen und Sie zwi­schen­durch ein­la­den, sich über ei­ni­ge der Er­geb­nis­se der fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie aus­zu­tau­schen. Am Ende jedes Ab­sat­zes werde ich dar­auf ein­ge­hen, wel­che Im­pli­ka­tio­nen die je­wei­li­ge Fra­ge­stel­lung bzw. das je­wei­li­ge Thema für uns heute hat.

 

  1. Elisabeth Cady Stenton und die Woman`s Bible
  2. Die Anfänge der feministischen Theologie in den 70er und frühen 80er Jahre
  3. Biblische Entdeckungen - Junia, die Apostelin
  4. Vom Singular zum Plural: Feministische Theologien weltweit
  5. Die Bibel in gerechter Sprache
  6. Von der feministischen Theologie zu einer geschlechterbewussten Theologie - Perspektiven
  7. Was ist feministische Theologie - Versuch einer vorläufigen Antwort

 

 

1. Eli­sa­beth Cady Stan­ton und die Wo­mans‘ Bible

 

Die Kir­che ist über Jahr­hun­der­te eine In­sti­tu­ti­on, die Frau­en nicht zu Wort kom­men lässt. Die Theo­lo­gie ist weit­ge­hend eine Wis­sen­schaft von Män­nern, die die Un­ter­ord­nung und Be­nach­tei­li­gung von Frau­en nicht nur nicht the­ma­ti­siert, son­dern sie sogar theo­lo­gisch recht­fer­tigt. Auch in Po­li­tik und Ge­sell­schaft wird Frau­en erst im letz­ten Jahr­hun­dert die volle Teil­ha­be an Äm­tern er­öff­net.

Die Frau­en­rechts­be­we­gung hat sich in lan­gen, sehr müh­sa­men Kämp­fen für glei­che Rech­te von Män­nern und Frau­en ein­ge­setzt, die uns heute bei­na­he selbst­ver­ständ­lich er­schei­nen. Ganz sel­ten gibt es Weg­mar­ken, an denen sich die sä­ku­la­re Frau­en­be­we­gung mit dem En­ga­ge­ment christ­lich ori­en­tier­ter Frau­en über­schnei­den. Fe­mi­nis­mus und Theo­lo­gie sind je­doch die bei­den As­pek­te, die Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie aus­ma­chen. Eine die­ser sel­te­nen Vor­kämp­fe­rin­nen fe­mi­nis­ti­scher Theo­lo­gie ist, im Rück­blick be­trach­tet, Eli­sa­beth Cady Stan­ton, die 1895 mit einem Kreis von Frau­en die „Wo­mans‘ Bible“ her­aus­gibt.

In der Woman’s Bible wer­den die meis­ten Stel­len kom­men­tiert, an denen Frau­en in der Bibel ge­nannt sind. Die Aus­le­gun­gen ba­sie­ren auf Ein­sich­ten der his­to­risch-kri­ti­schen For­schung. Cady Stan­ton wen­det sich ve­he­ment gegen die da­mals vor­herr­schen­de Sicht auf die bi­bli­schen Schrif­ten. Sie sagt, nicht ohne Humor: „Der ein­zi­ge Punkt in dem ich mich von der kirch­li­chen Lehr­mei­nung un­ter­schei­de ist, dass ich nicht daran glau­be, dass ir­gend­ein Mann je­mals Gott ge­se­hen oder mit ihm ge­re­det hätte.“

Die Bibel ist für sie ein Buch, das von Män­nern für Män­ner ver­fasst wurde. So­lan­ge Frau­en die Po­si­ti­on ak­zep­tier­ten die ihnen darin zu­ge­wie­sen wird, so lange sei ihre Eman­zi­pa­ti­on un­mög­lich. „Aber, so Cady Stan­ton wei­ter, in allen hei­li­gen Bü­chern aller Re­li­gio­nen gebe es grund­sätz­li­che Prin­zi­pi­en von Liebe, Frei­heit, Ge­rech­tig­keit und Gleich­heit für alle Men­schen.

In der Bibel fin­det sie diese in Ge­ne­sis 1,27 und Ga­la­ter 3,28: Be­reits das Alte Tes­ta­ment ver­kün­di­ge im An­fang die gleich­zei­ti­ge Schöp­fung von Mann und Frau und damit die Gleich­heit der Ge­schlech­ter und das Neue Tes­ta­ment nehme dies im „nicht männ­lich noch weib­lich“ aus Ga­la­ter 3,28 auf. Cady Stan­ton for­mu­lier­te zwei Ein­sich­ten, die immer noch gül­tig sind: Die Bibel wurde weit­ge­hend von Män­nern ge­schrie­ben, und die Bibel ent­hält in sich selbst Kri­te­ri­en der Kri­tik.“ (An­ge­la Stand­har­tin­ger, 2001)

 

2. Die An­fän­ge der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie in den 70er und frü­hen 80er Jahren

Eli­sa­beth Cady Stan­ton war ihrer Zeit er­heb­lich vor­aus. Erst ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter such­ten Frau­en sich ihre Ge­schich­te er­neut an­zu­eig­nen, such­te die Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie der Ge­schich­te die Frau­en und den Frau­en die Ge­schich­te wie­der­zu­ge­ben. Theo­lo­gin­nen be­ga­ben sich auf Spu­ren­su­che nach dem Weib­li­chen in der Bibel, in der Kir­chen­ge­schich­te, in den un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren un­se­rer Welt.

2.1. Von der Wie­der­ent­de­ckung bi­bli­scher Frau­en­gestal­ten zur „Her­me­neu­tik des Ver­dachts“

In den 70er Jah­ren be­gan­nen Frau­en also damit, sich die christ­li­chen Tra­di­tio­nen er­neut an­zu­eig­nen, die Ihnen als Frau­en wich­tig schie­nen. Frau­en in der Bibel, Frau­en in der frü­hen Kir­che, Frau­en in der Kir­chen­ge­schich­te wur­den zum Thema ge­macht. Mir­jam, Maria von Mag­da­la oder Hil­de­gard von Bin­gen wur­den zu Vor­bil­dern und er­mu­tig­ten dazu, Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit in der Kir­che ein­zu­for­dern. Es blieb je­doch nicht dabei, sich auf die Texte zu kon­zen­trie­ren, in denen Frau­en vor­ka­men. Viel­mehr ent­wi­ckel­te sich eine be­son­de­re Art und Weise bi­bli­sche Texte zu ver­ste­hen.

Der Le­se­schlüs­sel, die Her­me­neu­tik, war und ist bis heute ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zur tra­di­tio­nell, männ­li­chen Les­art bi­bli­scher Texte. Das Buch „In Me­mo­ry of her“, deutsch „Zu ihrem Ge­dächt­nis“, er­schie­nen 1983, der ka­tho­lisch, fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gin Eli­sa­beth Schüs­s­ler-Fio­ren­za ist ein Schlüs­sel­werk fe­mi­nis­ti­scher Bi­bel­aus­le­gung. Ihr An­satz wird „Her­me­neu­tik des Ver­dachts“ ge­nannt.

Aus­gangs­punkt ist die Ver­mu­tung, dass die meis­ten Texte pa­tri­ar­chal sind und ge­ra­de Texte, die frau­en­feind­lich sind, viele In­for­ma­tio­nen über die so­zia­le Si­tua­ti­on von Frau­en ent­hal­ten. Sie gilt es im In­ter­es­se der Be­frei­ung von Frau­en zu heben. Schüs­s­ler-Fio­ren­z­as An­satz un­ter­schei­det sich von der Woman’s bible gra­vie­rend, weil sie nicht ein­zel­ne Bi­bel­stel­len, in denen es ex­pli­zit um Frau­en geht, se­lek­tiv aus­wählt, son­dern ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, das sie auf den ge­sam­ten Text­be­stand an­wen­det. Sie ken­nen alle den är­ger­li­chen Satz aus den Pau­lus­brie­fen: „Das Weib schwei­ge in der Ge­mein­de.“

Schüs­s­ler-Fio­ren­za liest ihn als Hin­weis, dass es in den frü­hen Ge­mein­den Frau­en ge­ge­ben hat, die ge­ra­de nicht ge­schwie­gen haben. Sonst wäre der Ver­such, ihnen das Reden zu ver­bie­ten, nicht not­wen­dig. Eine Aus­le­gung kann sich be­wusst gegen den Sinn und In­halt der bi­bli­schen Texte wen­den, ja muss dies sogar, wo die Texte pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren recht­fer­ti­gen. Damit wer­den Be­frei­ungs­er­fah­run­gen von Frau­en zum Aus­gangs­punkt und zum Be­ur­tei­lungs­kri­te­ri­um für die Aus­le­gung bi­bli­scher Schrif­ten ge­macht.

Eine ob­jek­ti­ve, ein­deu­ti­ge Aus­le­gung von Tex­ten, die eine rich­ti­ge Aus­le­gung, kann es da­nach nicht geben. Dazu sind die Er­fah­run­gen von Frau­en zu un­ter­schied­lich. Die Dänin Lone Fatum be­zwei­felt, dass es über­haupt frau­en­freund­li­che Texte in der Bibel gibt. Viele der Müt­ter der fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie hal­ten den­noch an der Bibel als In­spi­ra­ti­ons­quel­le fest. Sie gehen je­doch mit ihr be­wusst kri­tisch um. Luise Schot­t­roff kann sagen, dass es „gute“ Stel­len in der Bibel gibt wie zum Bei­spiel das alte Tauf­be­kennt­nis im Ga­la­ter­brief: „Da ist nicht Jude noch Grie­che, nicht Frei­er noch Skla­ve, nicht männ­lich und weib­lich, denn wir sind all­zu­mal eins in Chris­tus.“

Keine Bi­bel­stel­le soll­te je­doch ohne die Be­ach­tung der da­ma­li­gen Pra­xis der Men­schen und der ge­sell­schaft­li­chen Kon­tex­te also als „zeit­los“ gül­tig ge­le­sen wer­den. Ein sol­cher In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz wen­det sich gegen alle, die be­haup­ten, sie könn­ten ihre ei­ge­nen sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen wie zum Bei­spiel kul­tu­rel­le Prä­gun­gen, Macht­in­ter­es­sen, Er­fah­run­gen usw. aus­blen­den, um dann die reine Aus­sa­ge­ab­sicht eines Tex­tes zu be­stim­men und zu er­läu­tern. Auch wird jeder Mög­lich­keit einer ver­bind­li­chen, an­geb­lich wort­ge­treu­en Nor­ma­ti­vi­tät ent­ge­gen­ge­tre­ten, wie sie fun­da­men­ta­lis­ti­sche Krei­se so oft prak­ti­zie­ren. Ich meine jene Art und Weise aus bi­bli­schen Tex­ten die Verse her­aus­zu­su­chen, die ich zur Recht­fer­ti­gung mei­ner per­sön­li­chen Sicht­wei­se brau­che.

Einen red­li­chen Um­gang in der Art und Weise, wie wir mit bi­bli­schen Tex­ten um­ge­hen zu prak­ti­zie­ren, indem wir ei­ge­ne In­ter­es­sen und Ab­sich­ten offen legen, ist eine wich­ti­ge, blei­ben­de Auf­ga­be, auf die uns die Ar­bei­ten der fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gin­nen in der Tra­di­ti­on von Schüs­s­ler-Fio­ren­za mit­ge­ben. Dies gilt auch für Män­ner.

2.2. GOTT ein Mann oder eine Frau?

Sys­te­ma­tisch-theo­lo­gi­sche Kon­tro­ver­sen Für große De­bat­ten sorg­te Mary Daly. Ihr schon 1973 er­schie­ne­nes Buch „Jen­seits von Gott­va­ter, Sohn & Co“ be­fasst sich mit der männ­li­chen Spra­che in der in der Regel von Gott ge­re­det wird. Sie stellt fest: „So­lan­ge Gott ein Mann ist, ist das Männ­li­che Gott.“ Als Kon­se­quenz zieht sie aus den christ­lich tra­di­tio­nel­len Denk- und Sprach­ge­bäu­den aus und löst sich in der Folge ganz vom Chris­ten­tum. Auch die Frau­en, die sich in der Göt­tin­nen­be­we­gung zu­sam­men fin­den, haben sich vom Chris­ten­tum ge­löst. Sie be­zie­hen sich auf Er­kennt­nis­se der Ma­tri­ar­chats­for­schung und be­schrei­ben im Bild der gro­ßen Mut­ter ihre Got­tes­vor­stel­lung.

Zy­kli­sches Den­ken und Na­tur­ele­men­te wie die Feier von Jah­res­zei­ten­ri­tua­len be­stim­men diese Rich­tung. Sie zeigt, wie sehr das Weib­li­che im Got­tes­bild von vie­len Frau­en ver­misst wird. Die Ma­ri­en­ver­eh­rung in der ka­tho­li­schen Kir­che bringt ein Stück Weib­lich­keit in die spi­ri­tu­el­le Pra­xis. In der pro­tes­tan­ti­schen Kir­che hat Maria nicht diese große Be­deu­tung. Den­noch lässt sich die Sehn­sucht vie­ler Frau­en nach weib­li­chen Bil­dern für Gott er­spü­ren. Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen haben daher weib­li­che Got­tes­bil­der, die es in der Bibel durch­aus gibt, auf­ge­grif­fen und in ihren lit­ur­gi­schen Ent­wür­fen in­te­griert.

Ein Bei­spiel ist Jes 66,13, wo Gott als Ad­ler­mut­ter be­schrie­ben wird, die sich um ihre Jun­gen küm­mert. Sy­the­ma­tisch-theo­lo­gisch wurde die Weib­lich­keit des Hei­li­gen Geis­tes her­aus­ge­ar­bei­tet. Das he­bräi­sche Wort ruach, das mit Geist, Geist­kraft, Wind­hauch oder Atem über­setzt wer­den kann, ist vom Genus her weib­lich. „Die Geist­kraft schwebt über dem Was­ser“, heißt es in der Schöp­fungs­ge­schich­te. Die ruach wird mit So­phia, der Frau Weis­heit iden­ti­fi­ziert, die mit Gott vor der Zeit die Welt schuf. Sie spielt mit Gott auf dem Er­den­rund. Die Frage nach einer ad­äqua­ten, ge­schlech­ter­ge­rech­ten Rede von Gott be­schäf­tigt uns bis heute. Weib­li­che Got­tes­bil­der den männ­li­chen Bil­dern zur Seite zu stel­len, be­wirkt, dass die ein­sei­ti­ge Fest­le­gung auf männ­li­che Got­tes­bil­der auf­ge­bro­chen wird. „Gott bin ich und nicht Kriegs­mann“, lesen wir schon beim Pro­phe­ten Hosea.

Doch ist damit noch nicht das Pro­blem einer an­thro­po­mor­phen Got­tes­vor­stel­lung ge­löst. Gott ist weder Mann, noch Frau. „Gott ist der ganz An­de­re“, sagt Karl Barth und spricht von der un­mög­li­chen Mög­lich­keit von Gott zu reden. Zu­gleich weiß er, dass wir es mit den Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Spra­che tun müs­sen, um über­haupt in einen Dia­log, ein Gebet mit Gott ein­tre­ten zu kön­nen. Car­ter Heyward hat Gott als “Macht in Be­zie­hung“ be­zeich­net. GOTT ge­schieht im zwi­schen­mensch­li­chen Han­deln, er­eig­net sich wo Be­zie­hun­gen ge­lin­gen. So at­trak­tiv diese Vor­stel­lung ge­ra­de auch im Blick auf die Hei­lungs­ge­schich­ten Jesu ist, birgt sie doch das Pro­blem, dass Gott als per­so­na­les Ge­gen­über auf­ge­ge­ben wird.

Die Bibel in ge­rech­ter Spra­che sucht das Pro­blem zu lösen, indem sie ver­schie­dens­te Got­tes­na­men an den Stel­len an­bie­tet, an denen im Bi­bel­text der Got­tes­na­me, die Kon­so­nan­ten „JHWH“ ste­hen oder wo „Ado­nai“, das Gott vor­be­hal­te­ne Er­satz­wort für den Ei­gen­na­men Got­tes steht. Ado­nai wurde von Lu­ther und an­de­ren mit „Herr“ über­setzt. Dies wird dem he­bräi­schen Wort je­doch nicht ge­recht, da die Be­zeich­nung für kei­nen Mann be­nutzt wurde. Herr Mül­ler würde nie „ado­nai“ ge­nannt wer­den.

2.3. Die fe­mi­nis­tisch theo­lo­gi­sche Neuan­eig­nung von theo­lo­gi­schen Grund­be­grif­fen: „Sünde“

Die zuvor er­ör­ter­te Frage nach Gott und dem Got­tes­bild be­rührt den Kern klas­si­scher Dog­ma­tik. Sie ist ein Bei­spiel für die Aus­ein­an­der­set­zung mit den zen­tra­len The­men christ­li­cher Tra­di­ti­ons- und Dog­men­ge­schich­te, die die fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie in den spä­ten 70er und 80er Jah­ren kenn­zeich­ne­te. Auch mit an­de­ren grund­le­gen­den Fra­gen wie der Chris­to­lo­gie, der Lehre von Chris­tus, der Ek­kle­sio­lo­gie, der Lehre von der Kir­che, und der Pneu­ma­to­lo­gie, der Lehre vom Hei­li­gen Geist be­schäf­tig­ten sich fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen. Zum Teil galt es, Jahr­hun­der­te alten Bal­last zu über­win­den, um für Frau­en be­frei­en­de Neu­deu­tun­gen zu er­öff­nen.

Ein Bei­spiel dafür ist das Sün­den­ver­ständ­nis. „Durch eine Frau kam die Sünde in die Welt“, lau­tet ein Satz des Kir­chen­va­ters Mar­ci­on. Er lei­te­te dies aus der Pa­ra­dies­ge­schich­te ab, in der Eva das Gebot Got­tes über­tre­ten habe und als Mut­ter alles Le­ben­di­gen mit der Ge­burt die Sün­den­ver­fal­len­heit an alle Nach­kom­men wei­ter­ge­ge­ben habe. Das wurde zum Kern­ge­dan­ken der Erb­sün­den­leh­re und eine Be­grün­dung für die De­gra­die­rung von Frau­en. Die sün­di­ge Eva und die reine Maria wur­den zu Frau­en­ty­po­lo­gi­en, die gegen eine lust­voll ge­leb­te, weib­li­che Se­xua­li­tät und das Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en ein­ge­setzt wur­den.

Fe­mi­nis­ti­sche Ex­ege­tin­nen haben sehr deut­lich ge­macht, dass in der Pa­ra­dies­ge­schich­te der Be­griff „Sünde“ gar nicht steht, son­dern erst in der Ge­schich­te von Kain und Abel ex­pli­zit vor­kommt. Der Tod­schlag wird als Sünde be­zeich­net. Mar­tin Lu­ther de­fi­niert Sünde als das um sich selbst Krei­sen, den in sich selbst ver­krümm­ten Men­schen („in­cur­vatus in seip­sum“), der die Got­tes­be­zie­hung ver­liert, weil er selbst wie Gott sein will. Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen haben daran kri­ti­siert, dass dies eine sehr männ­li­che Be­schrei­bung des­sen sei, was Men­schen schuld­haft tun. Sünde von Frau­en be­stün­de oft eher darin, die ei­ge­nen Ta­len­te nicht zu nut­zen, sich zu­rück­zu­neh­men für an­de­re und die Gaben Got­tes ver­küm­mern zu las­sen. An die­sem Bei­spiel wird deut­lich, dass fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie die Le­bens­wirk­lich­keit von Frau­en be­rück­sich­tigt und im Blick hat. Wie ak­tu­ell diese Wahr­neh­mung immer noch ist, zei­gen Un­ter­su­chun­gen wo­nach Frau­en, in Ver­hand­lun­gen um die Höhe von Ge­häl­tern in der Regel we­ni­ger for­dern, als ihre gleich qua­li­fi­zier­ten männ­li­chen Kol­le­gen.

Auch wenn es um Lei­tungs­po­si­tio­nen geht, nei­gen Män­ner eher dazu sich zu über­schät­zen, wäh­rend Frau­en eher an sich und ihren Qua­li­tä­ten zwei­feln, auch wenn diese vor­han­den sind. Mög­li­cher­wei­se hat dies mit der jahr­hun­der­te­lan­gen Ver­drän­gung von Frau­en aus Lei­tungs­po­si­tio­nen zu tun. Wahr­zu­neh­men, dass ei­ni­ge Frau­en den­noch in all den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten her­aus­ra­gen­de Po­si­tio­nen aus­füll­ten, kann Frau­en heute ein Vor­bild sein und sie er­mu­ti­gen, Ver­ant­wor­tung in Kir­che und Ge­sell­schaft zu über­neh­men.

 

3. Bi­bli­sche Ent­de­ckun­gen: Junia, die Apos­tel­in

Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie hat die Par­tei­lich­keit für Frau­en zum Grund­satz. Frau­en sol­len in ihrer gan­zen Viel­fäl­tig­keit sicht­bar wer­den und Sub­jek­te des ei­ge­nen Han­delns sein. Wie sehr Frau­en und ihre Prä­senz aus­ge­blen­det wur­den, hat die Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie schon sehr früh ge­zeigt. Zum einen war es die Be­schäf­ti­gung mit dem Got­tes­bild und die Suche nach einer ad­äqua­ten Spra­che für Gott, die weib­li­ches Reden in­te­grier­te. Dar­über hin­aus mach­te man wich­ti­ge Ent­de­ckun­gen, indem die gän­gi­gen Bi­bel­über­set­zun­gen kri­tisch hin­ter­fragt wur­den. So ent­deck­te Ber­na­det­te Broo­ten die Apos­tel­in Junia. Im 13. Jahr­hun­dert wurde plötz­lich aus dem weib­li­chen Namen ein männ­li­cher ge­macht, aus Junia wurde Ju­ni­as.

Der Name Ju­ni­as ist je­doch für die Rö­mer­zeit über­haupt nicht be­legt und daher spricht alles dafür, dass es sich in der in Röm 16,7 er­wähn­ten Apos­to­lin um eine Frau han­delt. Eine sol­che Ent­de­ckung hat na­tür­lich Kon­se­quen­zen. Apos­to­lin­nen sind von Jesus selbst ein­ge­setz­te Ge­sand­te. Die apos­to­li­sche Be­ru­fung konn­te also auch Frau­en zu­ge­spro­chen wer­den. In der Dis­kus­si­on um die Frau­en­or­di­na­ti­on und noch mehr die Pries­te­rin­nen­wei­he ist dies ein star­kes Ar­gu­ment gegen den Aus­schluss von Frau­en aus spi­ri­tu­el­len Lei­tungs­äm­tern. Der ge­rin­ge An­teil von Frau­en in Lei­tungs­äm­tern, Syn­oden und Kir­chen­kreis­rä­ten, bleibt ein Skan­dal.

Für un­se­re Nord­kir­che ist die Ent­de­ckung der Apos­tel­in Junia zum Bei­spiel im Hin­blick auf die Part­ner­kir­che in Weiß­russ­land eine Her­aus­for­de­rung, da der dor­ti­ge Bi­schof sich wei­gert, Frau­en zu or­di­nie­ren.

 

4. Vom Sin­gu­lar zum Plu­ral: Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gi­en welt­weit

Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie ist grund­sätz­lich kon­tex­tu­el­le Theo­lo­gie. Waren es an­fäng­lich weiße Mit­tel­schicht­frau­en, die sich zu Wort mel­de­ten, sind die Stim­men der schwar­zen, asia­ti­schen und la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Frau­en in den letz­ten Jah­ren deut­lich und ver­nehm­bar. Mu­ja­ris­ta und wo­ma­nis­ti­sche Theo­lo­gie sind heute zwei ei­gen­stän­di­ge Rich­tun­gen in­ner­halb der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie.

Die Le­bens­si­tua­ti­on von zum Teil il­le­gal in die USA ein­ge­wan­der­ten Frau­en aus La­tein­ame­ri­ka (Mu­ja­ris­ta) oder die Er­fah­run­gen der Nach­kom­men afri­ka­ni­scher Skla­vin­nen (Wo­ma­nist) sind deut­lich an­de­re, als die wei­ßer Mit­tel­schicht­frau­en. So iden­ti­fi­zie­ren sie sich mit Frau­en­gestal­ten wie Hagar, der Skla­vin Abra­hams, eher als wir. Dies führt zu sehr un­ter­schied­li­chen theo­lo­gi­schen Sich­ten auf ein und die­sel­be Ge­schich­te. Kön­nen wir dies als Chan­ce be­grei­fen oder macht es uns eher Angst? Ich nehme wahr, dass in der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie ein Lern­weg be­schrit­ten wor­den ist, immer sorg­sa­mer mit der Un­ter­schied­lich­keit und der Viel­stim­mig­keit um­zu­ge­hen.

Das be­gann mit der Er­kennt­nis, dass es nicht an­ge­hen kann, Jesu Pra­xis für Frau­en im Ge­gen­satz zur jü­di­schen Tra­di­ti­on an­zu­eig­nen. Die Ge­fahr des An­ti­ju­da­is­mus wurde er­kannt und da­durch wer­den heute die Evan­ge­li­en und vor allem auch die pau­li­ni­sche Tra­di­ti­on im Kon­text des Ju­den­tums ge­se­hen. Ein wei­te­rer Mei­len­stein der Sen­si­bi­li­sie­rung war die Rede der Ko­rea­ne­rin Jung Chung-Kyung auf der Welt­ver­samm­lung des Öku­me­ni­schen Rates in Mel­bourne 1983 als sie christ­li­che, eu­ro­päi­sche Tra­di­tio­nen mit den asia­ti­schen My­then ihrer Ah­n­in­nen ver­band. Die sich an­schlie­ßen­de hef­ti­ge Dis­kus­si­on hat vie­len die Augen dafür ge­öff­net, wie sehr die Ko­lo­nia­li­sie­rung und Mis­sio­nie­rung mit of­fe­ner und ver­deck­ter Ge­walt ein­her­gin­gen. „Ein­heit in Viel­falt“ ist die Grund­for­mel der öku­me­ni­schen Be­we­gung.

Das gilt auch für die Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie, wie die wo­ma­nis­ti­sche Theo­lo­gin Be­ver­ly Wal­lace be­tont: „Nur durch die Ein­be­zie­hung vie­ler un­ter­schied­li­cher Per­spek­ti­ven kön­nen wir das Bild der Mensch­heit, die Nöte von Got­tes Volk, voll­stän­di­ger er­ken­nen.“ Wo­ma­nis­ti­nen stel­len den täg­li­chen Über­le­bens­kampf schwar­zer Frau­en und ihre Le­bens­qua­li­tät ins Zen­trum ihrer theo­lo­gi­schen Ar­beit und ver­bin­den bei­des mit den re­for­ma­to­ri­schen Zen­tral­be­grif­fen „Frei­heit und Liebe“. Was be­deu­tet es für uns, dort hin­zu­schau­en?

Wie las­sen wir uns durch ihre Le­bens- und Glau­bens­er­fah­run­gen neu her­aus­for­dern? Wie kön­nen wir ihre Im­pul­se als kost­ba­ren Schatz sehen, um auch un­se­re west­li­chen theo­lo­gi­schen Tra­di­tio­nen wei­ter zu ent­wi­ckeln? Wer­den wir so ein neues Bild von Got­tes Volk ent­wer­fen, das bun­ter, viel­fäl­ti­ger und voll­stän­di­ger ist, als wir es uns bis­her ge­dacht haben? Diese Fra­gen gehen uns an, un­mit­tel­bar. Sie drin­gen zu uns durch, weil die schwar­zen Frau­en sich Gehör ver­schaf­fen. Der Un­ter­schied­lich­keit Raum geben, un­ter­schied­li­che Frau­en zu Wort kom­men las­sen, will auch das ak­tu­el­le Pro­jekt „Frau­en­mahl“.

In der Tra­di­ti­on von Lu­thers Tisch­re­den wird ge­speist und zwi­schen den Gän­gen wer­den Reden ge­hal­ten. Ei­ni­ge sol­cher Frau­en­mah­le haben in den letz­ten Mo­na­ten statt­ge­fun­den, das erste i n Mar­burg am Re­for­ma­ti­ons­tag 2011. Im Kir­chen­kreis Alt­hol­stein wird es eines am Re­for­ma­ti­ons­tag 2012 im Öku­me­ni­schen Zen­trum in Kiel- Met­ten­hof geben.

 

5. Die Bibel in ge­rech­ter Spra­che

In die Über­set­zung der Bibel in ge­rech­ter Spra­che, er­schie­nen 2006, sind viele Er­kennt­nis­se der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie der letz­ten 30 Jahre ein­ge­flos­sen. Die Über­set­zer_in­nen ma­chen Frau­en sicht­bar, wo diese dabei waren, sei es als Jün­ge­rin­nen, als Hir­tin­nen oder Töch­ter Got­tes.

Junia ist wie­der Apos­tel­in. Die so­zia­le Si­tua­ti­on der Zeit, die Tat­sa­che, dass Is­ra­el ein von den Rö­mern be­setz­tes und aus­ge­beu­te­tes Land ist, wird nicht ge­mil­dert. Slaven und Skla­vin­nen wer­den auch so ge­nannt und nicht Knecht oder Die­ne­rin, was in un­se­ren Ohren einen Hauch von So­zi­al­ro­man­tik haben könn­te. Neben der schon an­ge­spro­che­nen Pro­ble­ma­tik der Über­set­zung des Got­tes­na­mens wer­den die Er­geb­nis­se, die im jü­disch-christ­li­chen Dia­log ge­won­nen wur­den, be­rück­sich­tigt. Die Texte wer­den kon­se­quent im jü­di­schen Kon­text ge­le­sen. Jesus ist Jude, eben­so wie Pauls und das, was wir heute als ei­ge­ne Re­li­gi­on „Chris­ten­tum“ nen­nen, gab es da­mals noch nicht.

In der Kon­tro­ver­se um die Bibel in ge­rech­ter Spra­che sind fast alle Kon­tro­ver­sen, die es zwi­schen Ver­tre­ter_in­nen fe­mi­nis­tisch-theo­lo­gi­scher Be­frei­ungs­theo­lo­gi­en und an­de­ren theo­lo­gi­schen Rich­tun­gen geben kann, zur Spra­che ge­kom­men. Mir ist daran ein­mal mehr deut­lich ge­wor­den, wie wich­tig es ist, den Ur­sprung und Aus­gangs­punkt fe­mi­nis­ti­scher Theo­lo­gie im Blick zu be­hal­ten. Die Be­frei­ungs­er­fah­run­gen von Frau­en sind der Aus­gangs­punkt fe­mi­nis­ti­scher Theo­lo­gie. Jede Theo­lo­gie muss sich da­nach fra­gen las­sen, ob sie der Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit dient, ega­li­tä­re Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se för­dert oder diese be­hin­dert.

„Gen­der and Power“ war der Titel des zen­tra­len Do­ku­ment, das auf der Ver­samm­lung des Lu­the­ri­schen Welt­bun­des 2010 ver­ab­schie­det wor­den ist. Es ist die zen­tra­le Frage nach dem Ver­hält­nis von Ge­schlecht und Macht, die die theo­lo­gi­sche Ar­beit als fe­mi­nis­ti­scher Theo­lo­gin­nen in der Ge­gen­wart be­stimmt. Wie kom­men wir zu einer ge­rech­te­ren Ver­tei­lung des Be­sit­zes? Wie sor­gen wir dafür, dass in Syn­oden nicht zu 80% Män­ner reden? Wie schaf­fen wir Struk­tu­ren, die dem Leben von Frau­en und Män­nern die­nen und eine volle Teil­ha­be an ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­sen aller er­mög­li­chen?

 

6. Von der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie zu einer ge­schlech­ter­be­wuss­ten Theo­lo­gie – Per­spek­ti­ven

Las­sen Sie mich vor einer ab­schlie­ßen­den Zu­sam­men­fas­sung noch einen Blick in die Ge­gen­wart und die Zu­kunft wer­fen. In den letz­ten drei­ßig Jah­ren sind an vie­len Hoch­schu­len neben Lehr­stüh­len für Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie so­ge­nann­te „gen­der stu­dies“, Lehr­auf­trä­ge für Ge­schlech­ter­for­schung ein­ge­rich­tet wor­den. Wäh­rend in den 80er Jah­ren im Be­reich der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie die Rich­tung der „Dif­fe­renz­theo­lo­gie“, die den Un­ter­schied von Män­nern und Frau­en be­tont hat, stark ver­tre­ten war, wächst seit den 90er die Zahl von Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gin­nen, die in der he­te­ro­se­xu­ell-dua­lis­ti­schen Ge­schlech­ter­ord­nung den Kern des Pro­blems sieht.

Sie schaf­fe ein ge­schlechter­hier­ar­chi­sches Sys­tem, das die Un­ter­ord­nung der Frau unter den Mann be­grün­de. Ver­tre­te­rin­nen die­ser Po­si­ti­on wol­len die­ses (Zwangs-)Sys­tem über­win­den; wohl wis­send, dass sie die Ka­te­go­ri­en männ­lich und weib­lich nach wie vor als ana­ly­ti­sches In­stru­ment ge­brau­chen müs­sen, da un­se­re Wirk­lich­keit durch­gän­gig ge­schlecht­lich kon­no­tiert ist. Ein ein­fa­ches Bei­spiel, dass diese Über­le­gun­gen nicht ohne wei­te­res von der Hand zu wei­sen sind, sind un­se­re Be­sol­dungs­sys­te­me. Care- oder Sor­ge­tä­tig­kei­ten mit über­wie­gend weib­li­chen Be­schäf­tig­ten wer­den in der Regel schlech­ter be­zahlt als tech­ni­sche Be­rufs­fel­der in denen haupt­säch­lich Män­ner ar­bei­ten.

Ein Stra­ßen­ar­bei­ter be­kommt eine Lärm­zu­la­ge, eine Er­zie­he­rin be­kommt keine, ob­wohl der Lärm­pe­gel na­he­zu iden­tisch ist. Mit wel­chen theo­lo­gi­schen An­sät­zen in der nä­he­ren Zu­kunft Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit ge­för­dert wer­den kann, muss sich noch zei­gen. „Di­ver­si­ty“ ist zur Zeit ein Zau­ber­wort; das be­deu­tet, die Un­ter­schied­lich­keit von Men­schen als Chan­ce sehen und zu nut­zen. Da sind wir in ge­wis­ser Weise wie­der ganz am An­fang der Bibel. Die Eben­bild­lich­keit eines jeden Men­schen mit Gott, schenkt eine un­ver­lier­ba­re Würde. Sie ist Gabe und Auf­ga­be für uns alle, wir, die Uni­ka­te Got­tes.

Viel­leicht ist dies ein Weg aus dem Dua­lis­mus der Ge­schlech­ter mit sei­nen Ne­ben­wir­kun­gen her­aus zu kom­men. Es gäbe dann so viele un­ter­schied­li­che Ge­schlechts­iden­ti­tä­ten wie es Men­schen gibt. Schon das zu den­ken, ist eine Her­aus­for­de­rung, müss­te ich doch je­weils neu hin­schau­en, wen ich vor mir habe, was jetzt ge­braucht wird, was er­war­tet wird, ohne dies auf­grund der Ge­schlechter­zu­schrei­bun­gen ge­bo­te­nen Ver­hal­tens­re­geln so­fort zu wis­sen und un­be­wusst so­fort zu tun.

 

7. Was ist fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie? – Ver­such einer vor­läu­fi­gen Ant­wort

Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie ist ein Reden von Gott, das die Be­frei­ungs­er­fah­run­gen von Frau­en und die ge­rech­te, ge­mein­schaft­li­che Pra­xis von Frau­en und Män­nern zum Aus­gangs­punkt nimmt. Sie zielt auf eine ge­schlech­ter­ge­rech­te Ge­mein­schaft. Als kon­tex­tu­el­le Theo­lo­gie ist sie sich ihres Stand­punkts be­wusst und weiß sich an­ge­wie­sen auf die Stim­men der vie­len Schwes­tern und Brü­der welt­weit, ge­ra­de derer, die mar­gi­na­li­siert sind und deren Stim­me oft nicht ge­hört wird.

Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen er­war­ten mit allem was lebt das Reich Got­tes und glau­ben an die Auf­er­ste­hung hier und jetzt: Wir sind auf der Suche nach der Kraft, die uns aus den Häu­sern, aus den zu engen Schu­hen und aus den Grä­bern treibt. Auf­ste­hen und mich dem Leben in die Arme wer­fen – nicht erst am jüngs­ten Tag, nicht erst, wenn es nichts mehr kos­tet und nie­man­dem mehr weh­tut. Sich aus­stre­cken nach allem, was noch aus­steht, und nicht nur nach dem Zu­ge­bil­lig­ten. Uns er­war­tet das Leben. Wann, wenn nicht jetzt?

Luzia Sut­ter Reh­mann

Tho­mas Schol­las, un­ver­öf­fent­lich­ter Vor­trag, Juni 2012